Aussteigen - und aufsteigen!

Media

Zehntausende Menschen haben sich am 14.9. auf den Weg nach Frankfurt gemacht, um vor den Toren der Internationalen Automobilausstellung (IAA) ein Zeichen für die Verkehrswende zu setzen. Auch von der Würzburger Greenpeace-Gruppe waren ein paar dabei! [1] Uns ging es darum, unser Missfallen darüber zu äußern, dass die Hersteller immer dickere und schwerere Fahrzeuge auf den Markt werfen, die trotz ihrer zunehmenden Effizienz mit jedem Jahr mehr Treibhausgase und Giftstoffe freisetzen und ein zunehmendes Platzproblem in den Städten darstellen.
 
Los ging's in der goldenen Morgensonne auf der taufrischen Großmutterwiese mitten in Aschaffenburg. [2] Als wir von unserer Unterkunft dort ankamen, begrüßte uns ein Grüppchen von Mitstreiter*innen - vermutlich ahnte da noch niemand, welche Dimensionen unser Protest annehmen sollte. Alle paar Minuten kamen ein paar Radler*innen hinzu, darunter eine größere Gruppe, die noch am Morgen aus Würzburg und anderen fränkischen Orten mit dem Zug angereist ist. Als wir viertel nach neun starteten, dürften wir schon um die hundert gewesen sein. Von Anfang an herrschte eine entspannte, friedliche Stimmung, wir befürchteten jedoch, dass wir angesichts unseres geringen Tempos wohl nie ankommen würden. Unsere Greenpeace-Gruppe startete zu zweit in Aschaffenburg, zwei weitere kamen später in Mainaschaff dazu. Danach ging es über Kleinostheim in das bereits zu Hessen gehörende Mainflingen, dort verabschiedeten wir uns auch von der bayerischen Polizei, die uns freundlicherweise begleitet hatte und wurden von deren hessischen Kolleg*innen herzlich begrüßt.
 
Von da an hatten wir auch das Gefühl, schneller voranzukommen. Unsere erste kurze Pause machten wir in Seligenstadt [3], dort stieß eine größere Gruppe zu uns. Als wir auf der Landstraße Richtung Hanau weiterfuhren, wurde deutlich, wie groß unser Zug inzwischen geworden war. Wir fuhren wohl ungefähr in der Mitte und konnten auf gerader Strecke weit vorne das Blaulicht der vorausfahrenden Streifenwagen erkennen. Das Ende des Zuges war nicht mehr in Sicht, wenn wir es denn trotz der Gefahr von Zusammenstößen wagten, kurz zurückzuschauen. Schon bald veranstalteten die entgegenkommenden Autofahrer*innen eine ungewollte Gegendemo, die meisten waren jedoch freundlich und entspannt, einige hupten sogar aus Zustimmung, andere lachten über uns. An nahezu jeder Kreuzung konnten wir nette Gespräche zwischen unseren Ordner*innen und wartenden Auto- oder Motorradfahrenden beobachten. Bald durchquerten wir den westlichen Teil von Hanau und es ging weiter mainabwärts: Steinheim, Dietesheim, Mühlheim. Mit jeder Ortschaft, durch die wir fuhren, wurde unsere Kolonne größer. Begeisterte und erstaunte Menschen schauten und winkten am Straßenrand, aus dem Fenster, aus dem Vorgarten. Mit jeder Minute und jedem Kilometer wuchs die Vorfreude und die Spannung.
 

Unsere Zahl dürfte wohl schon vierstellig gewesen sein, als wir mittags Offenbach erreichten [4]. Auf dem Marktplatz jubelten uns noch ein paar hundert zu, wohl bereit, sich anzuschließen. Immer häufiger begegneten wir jedoch auch genervten Menschen. "Wir haben Termine!" rief eine Fußgängerin in die Menge, die an einer belebten Kreuzung wartete. Ein paar Straßen weiter zwangen uns trotzig querende Fußgänger zu abrupten Bremsungen - in Frankfurt mussten wir dann auch leider mit ansehen, dass mehrere Fußgänger und ein Autofahrer durch Schubsen beziehungsweise Anfahren zum Mittel der Nötigung griffen. Doch was uns eigentlich immer mehr ausbremste, waren die fahrradfahrenden Massen, die nun aus allen Richtungen anrollten. Noch in Offenbach vereinten wir uns mit jenem Zug, der früh morgens in Mannheim losgefahren war. Danach kam das absolute Highlight: Eigens für unseren Protest wurde eine Autobahn gesperrt! [5] Dieses großartige Gefühl, auf einer dreispurigen Fahrbahn zu radeln, umgeben von einem mitreißenden Strom anderer Radfahrer*innen. Zugleich stellten wir fest, welche Eigendynamik solche Sternfahrten entwickeln, denn sobald die erste Reihe steigungsbedingt bremst, müssen die dicht auffahrenden Folge-Reihen ebenfalls bremsen. Das Ergebnis: Schritt- und Schiebetempo - also sozusagen ein Fahrradstau - auf der Kaiserleibrücke.

Wir nahmen die Ausfahrt Frankfurt-Ost bei der Eissporthalle, dort hatten wir unsere Freude mit einer Anzeigetafel, die ein "erhöhtes Verkehrsaufkommen" ankündigte [6] sowie mit einer atemberaubenden SUV-Werbung, die jemand mit sich trug [7]. Zähflüssig rollten wir durch Bornheim und Nordend (dort begegneten wir dem Zug aus Gießen), schoben uns über die Nibelungenallee, die Miquelallee, die Hansaallee, vorbei an der Alten Oper und der Bockenheimer Warte und fanden uns gegen 15 Uhr erschöpft und durstig, aber glücklich und fasziniert auf dem Kundgebungsplatz nahe beim Messeturm ("Bleistift") ein. Aber auch wütend: Wütend über das Treiben auf dem polizeilich abgeriegelten Messegelände, wo mensch sich scheinbar unbeeindruckt zeigte von unserem großen Protest. Wütend über eine Bundespolitik, welche die Verkehrswende seit Jahren auf die lange Bank schiebt, aus Angst, den Autokonzernen auch nur ein Härchen zu krümmen. Wütend über das verständnislose Gejammer von Autolobbyist*innen, die beteuerten, es werde schon viel getan im Bereich der Elektromobilität (wobei wir sicher nicht erwartet hätten, dass dort über Alternativen zum Auto überhaupt nachgedacht wird). Und nicht zuletzt: Wütend über den offensichtlichen Versuch des Greenwashings, der darin bestand, eine FridaysForFuture-Sprecherin auf die IAA einzuladen! Wir waren sehr froh darüber, dass sie die Bühne unseres Protestes bevorzugte.

Doch bei der Wut sollte es nicht bleiben: Eine Rednerin forderte, dass es statt der IAA eine Mobilitätsmesse geben sollte, auf der nicht das Auto als Werbeprodukt, sondern Mobilität als menschliches Bedürfnis im Mittelpunkt stehen sollte - diese Idee möchte ich gerne weitertragen. Und es wurde uns berichtet, dass die Veranstalter*innen der Messe in Angst und Panik geraten seien, angesichts des zunehmenden Protestes und des abnehmenden Interesses von Aussteller*innen und Kund*innen. Es wird gar spekuliert, dass die IAA in dieser Form das letzte Mal stattgefunden haben könnte. Sollte es je anders kommen, sind wir übernächstes Jahr wieder hier.

Bene (Greenpeace Würzburg)