EndeGelände - ein Bericht

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EndeGelände 2019.

Auf nach NRW
Am Mittwoch geht’s los nach NRW, wo das inzwischen sechsten Mal EndeGelände
stattfindet.
Ich habe mich einer kleinen Gruppe angeschlossen, die mit RE hinfährt.
Ich bin voll bepackt mit Rucksack, Schlafsack, Essen und Demo-Schild.
Lange Fahrt, viel Zeit zum Singen, Schlafen und Diskutieren: Wie schaffen wir die Wende?
Und in welche Richtung? Wie ist die Situation, wie der Weg, auf dem wir gerade sind. Wir
wissen, wir brauchen eine 180°-Wende für den Klimaschutz und unsere Zukunft. Wie wir
das schaffen, wissen wir nicht. Aber eins steht fest: Kohleverstromung gehört nicht dazu.

Wir trennen uns in Köln. Während die anderen direkt zum Camp nach Viersen fahren, führt
mich mein Weg zu einer Freundin nach Aachen.
Am Bahnhof werde ich von einem Passanten angesprochen, ob ich auf ein Festival gehe.
Naja, so ähnlich.

Bei der Freundin lasse ich alles, was ich nicht brauche. Und plötzlich fühle ich mich nackt.
Ich habe weder Bankkarte, noch Handy, Kamera oder Krankenkarte. Nicht mal Ausweis
oder Führerschein nehme ich mit. Nur etwa 60 Euro, Essen und was man sonst zum
Übernachten braucht, plus ein paar Seifenblasen, Kreide und Aktivisti-Zeugs (Filzstift,
Sekundenkleber, Sicherheitsnadel, Sticker...). Einige wichtige Telefonnummern hab ich mir,
mit absichtlichen Zahlendrehern, auf den Arm geschrieben.

Am Bahnhof in Aachen sammle ich einen weiteren Demonstrierenden auf. Man erkennt sie
gut: Rucksack, Schlafsack, evtl mit Zelt.
Bummelzug, ne Stunde Fahrt, an der Mahnwache vorbei in den Bus zum Camp. Dieses ist
gewohnt riesig. Und alle sind auf den Beinen.
Auf der einen Seite läuft eine kleine Gruppe für irgendwelche Medien, auf der anderen
Seite macht eine Gruppe Aufwärmspiele. Beim Legal-Zelt erzählt eine Frau über mögliche
rechtliche Konsequenzen, während das Infozelt aus allen Nähten platzt. In zwei Zelten
werden Rucksäcke gesammelt, in einem anderen die weißen Kittel bemalt.
Im größten findet später das Plenum statt.

Von der Gruppe, mit der ich gekommen bin, finde ich niemanden. Kein Wunder, bei
mehreren tausend Menschen, noch dazu aus verschiedenen Teilen Europas.
Ich stolpere von einer Gruppe in die andere, versuche Infos zu bekommen und eine
Bezugsgruppe, sowie einen Übernachtungsplatz zu finden. Alleine ist es anstrengend, man
ist unglaublich klein.
Als ich schließlich einen „Buddy“ (engl. Kumpel) finde und einige Menschen vom letzten
Jahr aus Italien, bei denen ich im Zelt übernachten kann, fühle ich mich besser.

Auf geht’s, ab geht’s: Freitag
Am Freitag gehen die meisten „Finger“ los. („Finger“ = Demozug).
Der „silberne“ und der „pinke Finger“ starten schon um 9 Uhr, „rot“ und „grün“ um 11. (Der
„goldene“ und „bunte Finger“ kommen erst am nächsten Tag richtig zum Einsatz.)
Die Slogans und Lieder sind meist altbekannt und international (Von „Who shuts shit
down? We shut shit down“ bis „Bagger ciao“). Dazwischen ein paar neue („Wat wollen wa?
Klimajereschtischkeit. Wann wollen wir dat? Jüt!“)
Die ersten beiden Finger kommen leider nicht sehr weit: Startschwierigkeiten. Der Bahnhof
in Viersen ist von der Polizei gesperrt, Züge fahren keine, Busse werden nur spärlich
durchgelassen.

Zur gleichen Zeit demonstrieren in Aachen 60.000? 40.000? Menschen in langen
Demozügen, deren Enden nicht absehbar sind, durch die Straßen. Und gleichzeitig laufen
auch einige tausend Menschen von EndeGelände in Maleranzügen los.
Bei EndeGelände verliert man nicht nur Menschen, sondern sogar Finger aus den Augen. Es
ist schwer, gesicherte Infos zu bekommen, wo sich gerade welcher Zug aufhält, wie viele
Menschen, mit welchem Ziel und wie die Situation ist. Jeder hört etwas, aber mal eben
anrufen und nachfragen ist nicht möglich. Und so tauchen sie oft unter, und dann plötzlich
wieder auf: In Dörfern, Bahnhöfen, auf Straßen oder Äckern... Streben unermüdlich weiter.


Gerade deshalb sind ungewollte Stopps durch die Polizei umso frustrierender. Der pinke
Finger sitzt erst einmal am Bahnhof fest.
Währenddessen hat es der silberne Finger mit Bussen weggeschafft, kommt aber von dort
erst einmal nicht weiter. Unzählige Plenare folgten, einige Versuche, die Polizeiketten zu
durchfließen, und am Ende landen die meisten in Köln.


Grün und Rot waren gemeinsam losgezogen. Mehrere Stunden Fußmarsch durch die Hitze
zum Bahnhof in Mönchengladbach verlangen viel von den Aktivisti. Dort trennen sich die
Wege.
Der rote Finger landet am Bahnhof Hochneukirch, wo die Polizei ihn stoppt. Bei den vielen
hundert Menschen, die schon jetzt erschöpft sind, macht sich Wut und Frust breit und
schließlich ziehen sie doch weiter nach Keyenberg - ein weiteres trauriges Dorf, das bald
einem Loch weichen soll.
Der grüne Finger hat es irgendwie auf die Gleise geschafft - ein großer Erfolg! Und auch
am nächsten, und sogar am übernächsten Tag sitzt er dort noch immer: Blockiert die Bahn
und lässt keine Kohle durch, macht mit der 48h-Blockade einen neuen Rekord. Die
Räumung am Ende war für die Betroffenen recht unschön. Tut dem Erfolg aber keinen
Abbruch.


Auf geht’s, ab geht’s: Samstag
Am Samstag findet eine große Demonstration zum Thema „Alle Dörfer bleiben“ statt. Nicht
so groß, wie die Fridays-for-Future-Demo, aber auch beeindruckend mit schätzungsweise
8.000 Menschen. Viele tragen Plakate, einige Kreuze, um zu zeigen, dass die Dörfer hier
nicht verschwinden sollen.
Dem Protestzug gehören Schülerinnen und Schüler, Umweltschützer und Menschen an, die
nicht zusehen wollen, wie ihr Dorf ruiniert und die Bewohner vertrieben werden. Auch
EndeGelände ist dabei. Sie stechen mit ihren Maleranzügen aus der Menge heraus.
An der Grubenkante sehen einige zum ersten Mal die gewaltige Zerstörung, die der
Kohleabbau hinterlässt. Wie ein blutendes Loch im Maul eines Riesen, dem ein Zahn
gezogen wurde.
Der goldene Finger bricht aus und in die Grube herunter. Ebene um Ebene, bis der Boden
erreicht ist. Dort kommt er nicht sehr weit, aber weit genug. Der Tagebau Garzweiler bei
Immerath steht still.
Unter anderem auch Dank des roten Fingers, der auf der anderen Seite der Grube sitzt.
Dieser hat vom anderen Ende aus hinunter geschafft. Nach etwa zwei dutzend Kilometer
Wegstrecke, nach mehreren durchflossenen Polizeiblockaden, an Pferden vorbei, die Kante
entlang, nach Behinderungen und Trennungen haben es die Aktivisti trotzdem geschafft.
Unter anderem auch dank der Hilfe des „bunten Fingers“. Dieser bestand u.a. aus Familien,
Kindern, RollstuhlfahrerInnen. Ich hatte ihn gleich zu Beginn aus den Augen verloren.
Später erfuhr ich, dass er eine Zugangsstraße blockierte, die Polizei behinderte und so die
Räumung des Fingers verzögerte.
Die Polizei kam gar nicht hinterher bei so vielen Aktivisti und Demonstrierenden, die an
allen Ecken und Enden Kohleinfrastruktur blockierten.
Und währenddessen war auch noch ein Teil des silbernen Fingers auf die Hambachbahn
gelangt.


Den ganzen Tag über waren sowohl Aktivisti wie auch die Polizei im Hocheinsatz. Während
beim roten und goldenen Finger in der Grube bereits die Räumung begannen,
erkennungsdienstliche Behandlungen vorgenommen, einige Menschen in die Gesa
(=GefangenenSammelstelle) gebracht wurden und alles getan wurde, damit der Betrieb im
Kohlerevier wieder normal laufen konnte, waren auch die Kohlegegner nicht ruhig. Immer
wieder machten sich einige auf, Blockaden zu unterstützen. Auch die ganze Nacht ging es
rund im und um die Tagebaue.


Und auch im Camp in Viersen war alles auf den Beinen. Die Küche brodelte
ununterbrochen, um den Aktivisten veganes Essen zur Verfügung zu stellen. Menschen
wollten von A nach B gebracht werden. Das LegalTeam telefonierte mit Menschen in der
Gesa. Die parlamentarischen Beobachter waren im Dauereinsatz zwischen Polizei,
Wassertransport und Gesa-Support. Und im Info-Zelt liefen die Telefone heiß.


Und während in der Nacht von Samstag auf Sonntag die ersten Aktivisti erschöpft in ihre
Zelte fielen, telefonierten andere, ob sie jemand zum ein oder anderen Finger bringen
konnte.

Fazit
Das Ergebnis: Neben Erschöpfung und Stolz tragen manche (neben kaputten Fingerkuppen
und bunten Gesichtern) grüne Flecken oder blaue Augen davon – manche schlimmeres.
Auch von Seiten der Polizei spricht man von 16 verletzten. (Das davon lediglich 2 durch
Fremdverschulden zustande kam, das wird oft verschwiegen.) Ein Bauer klagt über
Schaden, den EndeGelände finanziell erstatten wird. Den finanziellen Verlust von RWE und
co. nicht.

Kaum eine Woche später scheint das Thema Kohleausstieg schon wieder in Vergessenheit
geraten. Von der Regierung kommen keine sinnvollen Vorschläge, endlich Klimaschutz
voran zu bringen und den Kohleausstieg zu beschleunigen.

Wir sehen: Kohleausstieg bleibt Handarbeit.

- Luca (6.7.10)