Fridays4future - ein Bericht

Media

Am Donnertagabend kam ich als einer der ersten "Übernachtungsgäste" im FridaysForFuture-Parkhotel am Tivoli, dem Aachener Stadion, an. Ich war überwältigt von der Offenheit, mit der ich als doch schon etwas älteres Mitglied der Bewegung empfangen wurde, und begeistert von der Organisation. Ich fand schnell Anschluss an eine Gruppe, die kurze Zeit später mit einem der Sonderzüge angereist war. Die Übernachtung im "Parkhotel" war ein besonderes Erlebnis - wir waren mehr als 1000 Menschen in einer einzigen Etage und hatten trotzdem nicht das Gefühl, uns in die Quere zu kommen. Während ich mich bereits todmüde in meinen Schlafsack kuschelte, bevölkerten immer mehr Menschen dieses originelle Nachtlager.

Die Demo am Freitag war riesig. In kleinen Gruppen gingen wir nach und nach vom Tivoli los an die Standorte der Startkundgebungen. Unser Teil der Demo startete gegen 12 Uhr auf dem Campus der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH). Alleine die Menge, die sich dort ansammelte, war kaum zu überblicken. Stundenlang lief unser Protestzug lautstark singend und skandierend durch die Aachener Innenstadt, vereinigte sich mit den beiden anderen  Zügen und ging wieder hinaus zum Tivoli, wo die Bühne für die Abschlusskundgebung schon bereit stand. Aktivist*innen von Ende Gelände, dem Hambacher Forst, aus der Lausitz, aus ganz Europa und aus dem Globalen Süden kamen zu Wort und mir wurde wieder einmal deutlich, dass wir eine vielfältige und globale Bewegung sind, die nicht mehr überhört werden kann! Als schließlich Bodo Wartke sein Hambi-Lied anstimmte, war ich zu Tränen gerührt.

Die Jugendlichen, die aus ganz Europa für die Demo angereist waren, prägten auch am Freitagabend das Aachener Stadtbild. Auch wenn weiterhin nichts Nennenswertes auf politischer Ebene geschehen ist, wurde ausgelassen gefeiert - denn erstmals haben die streikenden Schüler*innen es geschafft, ein großes internationales Protest-Event auf die Beine zu stellen. Mehrere aus der Gruppe, mit der ich unterwegs war, stellten erfreut fest, wie FridaysForFuture zu einem Teil der Jugendkultur geworden ist! Und so hallten die Rufe nach "Climate Justice now!", "Power to the People!" und "Nie wieder Kohle!" noch spät durch den Aachener Nachthimmel.

Am nächsten Tag ging es mit Shuttlebussen und Zügen zur "Alle Dörfer bleiben!"-Demo an den Tagebau Garzweiler. Während dieser Zeit ging das Singen und Skandieren weiter, dennoch konnte ich beobachten, wie aufgeregt einige waren. Diejenigen unter uns, die bisher wenig Protesterfahrung hatten, waren zum Teil besorgt darüber, dass sie in illegale Aktionen geraten oder unschöne Begegnungen mit der Polizei machen könnten. Als die Menge dann, Bus für Bus, auf dem Marktplatz von Hochneukirch eintraf, schien diese Angst verflogen zu sein. Es dauerte endlos, bis sich alle eingefunden hatten, und so gönnten wir uns noch eine kleine Stärkung und einen Kaffee (to stay, wohlgemerkt) in einer Bäckerei. Endlich ging es los, und bald kamen wir in die Holzer Straße, welche benannt war nach einer Ortschaft, die nicht mehr existierte. Die Anspannung stieg spürbar, als es unter einer Autobahn durchging und wir dem Tagebau immer näher kamen. Schließlich standen wir vor dieser großen, hässlichen Wunde, die wir gierige Menschen unserem Planeten zugefügt hatten, und blickten mit Entsetzen und Faszination hinein.

Logischerweise durften die Selfies vor der Grube, mit den selbstgebastelten Schildern im Vordergrund, nicht fehlen. Nach einiger Zeit stellten wir fest, dass wir den Anschluss an die "legale" Demo verloren hatten und der goldene Finger der Aktion Ende Gelände gerade an uns vorbeischritt. Der Versuch, im hohen Gras zwischen der Straße und der Abbruchkante den langen Tross der weißen Papieranzüge zu überholen, schlug erwartungsgemäß fehl - und so erlebten wir hautnah, wie die Aktivist*innen plötzlich in unsere Richtung rannten und zu hunderten in den riesigen Tagebau strömten. Fasziniert beobachteten wir das Schauspiel, freilich auch erleichtert darüber, nicht umgerempelt oder von den verzweifelt um sich greifenden Polizist*innen angehalten worden zu sein. Wir beschlossen daher auch bald, uns wieder hinter dem Lautsprecherwagen zu versammeln und der Route in Richtung Keyenberg weiter zu folgen.

Dort angekommen, wurden wir herzlich empfangen von Menschen, die dem lokalen Widerstand gegen die Braunkohle angehörten, und von solchen, die durch das Tragen von Papieranzügen ihre Zugehörigkeit zu Ende Gelände bekundeten. Unter anderem gab es Linseneintopf, Kuchen, jede Menge Infos und - ganz wichtig - mehrere Stellen, an denen wir unsere Trinkflaschen auffüllen konnten. In der Nähe befand sich ein weiterer Ort, der das entsetzliche Ausmaß des Kohleabbaus verdeutlicht: ein Friedhof für dutzende alte Dörfer, die wegen des Tagebaus Garzweiler abgerissen und umgesiedelt wurden. Und der Spuk geht weiter: Geht es nach den Plänen des Energiekonzerns RWE, so soll sich der Bagger noch jahrelang weiter durch die Landschaft fressen - sechs Dörfer, darunter Keyenberg, sollen ihm noch zum Opfer fallen. Die Vorstellung, auf einem grünen, lebendigen Landstrich zu stehen, der in weniger als zehn Jahren nicht mehr existieren soll, bereitete uns ein mulmiges Gefühl.

Die Abschlusskundgebung von "Alle Dörfer Bleiben!" war damit auch geprägt von Berichten, welche die lokalen Auswirkungen des Kohleabbaus hervorhoben: zerstörte Dörfer, zerrissene Familien und Nachbarschaften, verlorene Landschaften, Dürrestress durch abgepumptes Grundwasser, Lärm und Luftverschmutzung durch den Minenbetrieb. Doch bei alledem gab es Hoffnung: Eine Sprecherin von Ende Gelände berichtete, dass zu dem Zeitpunkt alle Kohlestrukturen im rheinischen Revier blockiert waren. Und dass es eine wachsende Bewegung gibt, die sich mit zunehmender Entschlossenheit dem Klimakiller Nr. 1 in Europa in den Weg stellt. Nachrichten zufolge äußerten sich regierende Politiker*innen vorsichtig zu einem Kohleausstieg vor 2038. Natürlich denke ich, dass das längst nicht ausreicht. Dennoch stand mir an diesem Protestwochenende klar vor Augen: Wir dürfen im Kampf ums Klima gerade jetzt nicht nachlassen. Und so lasst uns weiter fordern: Raus aus der Kohle - rein in den Klimaschutz!

Bene

Tags