Wendland 2011

Am 24. November soll der 13. Castortransport nach Gorleben in Frankreich beginnen. Daher findet am Samstag den 26.11. eine Großdemo in Dannenberg nahe Gorleben statt (Details unter Gorleben-Castor.de). Kommt alle mit, es geht uns alle etwas an!

Weitere Hintergrundinfos bei Greenpeace Deutschland.
 

Hier ein Erfahrungsbericht eines Aktivisten, der sich an der Sitzblockade von WiderSetzen beteiligt hat:

Der Bitte meiner Freundin Jenifer folgend, versuche ich die Erlebnisse des vergangenen Wochenendes möglichst detailliert wieder zu geben.

Als ich am Montag, den 28.11. gegen 14 Uhr in meiner Wohnung aufwachte, konnte ich immer noch nicht so richtig verstehen, was die letzten 5 Tage, vor allem die Tage des vergangenen Wochenendes geschehen war. Schon lange bevor die 11 Castoren am 23.11.2011 um 16:01 Uhr in der sogenannten französischen „Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll“ La Hague starteten, machte ich mir viele Gedanken. Auch in den Medien war das Thema Gorleben dieses Jahr schon erstaunlich früh präsent. Man hörte Meldungen von einer Überschreitung der zulässigen Strahlungswerte am Zwischenlager und dann doch wieder nicht. Ein Treffen der Landesumweltminister mit Herrn Röttgen über eine weitere Runde „ergebnisoffene Endlagersuche“ schaffte es auch in die Tagesschau.

Was ich mich aber am meisten fragte: Warum kommen die Castoren in das Zwischenlager nach Gorleben? Gibt es da denn besseren Ort? Warum sollte man den Müll nach Gorleben schaffen, wenn ergebnisoffen gesucht wird und nicht in die Zwischenlager an den AKWs? Schließlich muss der Müll von dort ja wieder wegtransportiert werden, wenn erkannt wird, dass der Salzstock in Gorleben ungeeignet ist.

Oder steht etwa jetzt schon fest, dass bei dieser ergebnisoffenen Suche am Ende Gorleben als am geeignetsten erkannt wird. Das würde auch erklären, warum Gorleben des Ziel der Transportstrecke ist und nicht etwa Philippsburg oder eines der anderen Zwischenlager. Objektiv betrachtet spricht viel dafür, dass die ergebnisoffene Suche nicht so ergebnisoffen ist, wie behauptet. Neben dem Einlagern sämtlichen deutschen Atommülls aus La Hague und ab 2014 voraussichtlich auch des Mülls aus Sellafield, zum Beispiel auch die Erkundungsarbeiten, die im genannten Salzstock Gorleben im 3-Schichtbetrieb, also 24 Stunden am Tag durchgeführt werden. Ein Vielfaches des Geldes, das für die Erkundung alternativer Standorte eingeplant ist, wird dort für die Erkundung, oder besser den Ausbau des Salzstockes zum Endlager ausgegeben.

Ich persönlich halte Gorleben für einen ungeeigneten Endlagerstandort. Vieles spricht gegen Gorleben, zum Beispiel die Tatsache, wie Gorleben in den 70er Jahren in die engere Auswahl kam, oder das größte Erdgasvorkommen Deutschlands in unmittelbarer Nähe zum Gorlebener Salzstock, oder die Tatsache, das Salz als Wirtsgestein genutzt werden soll. Salz war schon einmal das Mittel der Wahl beim Endlager Asse II bei Wolfenbüttel für mittel- und schwachradioaktiven Müll. Für die Ewigkeit geschaffen und doch laufen die Stollen schon nach 40 Jahren mit Wasser voll…

Das waren meine Gründe, die mich dazu brachten, aktiv zu werden, vielleicht aktiver als andere. Was mir sehr viel Kraft gab, war die Tatsache, dass ich nicht alleine den Weg ins Wendland wagte. Schon längere Zeit zuvor habe ich mich in meinem Freundeskreis umgehört, wer bereit wäre, ähnlich wie ich gegen diese unverantwortliche Endlagerpolitik aktiv zu werden. 6 Freunde sagten zu, meine Bezugsgruppe war somit komplett. Bei einem Treffen einen Tag vor dem Start des Castors steckten wir unsere Ziele ab, erklärten auch wo unsere Grenzen liegen würden, welche Befürchtungen wir haben, welche Hoffnungen. Die Aktion von „Widersetzen“ gemäß des Aktionsaufrufs: „Wir werden uns widerSetzen. Wie in den vergangenen Jahren werden wir im Wendland eine große, bunte Sitzblockade auf den Castorgleisen halten.“ entsprach dem, was wir uns vorstellten, am meisten. Ein Konsens war gefunden. Nach der Mahnwache von Greenpeace am Würzburger Hauptbahnhof am Donnerstag, den 24.11. von 8-22 Uhr und am Freitag, den 25.11. von 8-10 Uhr stand fest, dass der Castor mit großer Wahrscheinlichkeit nicht durch Würzburg fährt. Höchste Zeit also die letzten Sachen zusammenzupacken und die lange Reise zu starten.

Am Freitag fuhren wir gegen 15 Uhr los und kamen nach einer langen und erschöpfenden Fahrt am späteren Abend im Camp Hitzacker an. Dort befand sich sozusagen das Hauptquartier der Widerstandsgruppe „Widersetzen“. Am Abend gab es dort mehrere Plenen, denen wir gerne lauschten, um uns bestmöglich auf die Aktion vorzubereiten. Die Stimmung im Camp ist schwer in Worte zu fassen, das muss man einfach miterlebt haben. Es ist wie ein großes Volksfest, mit gutem Essen, guten Unterhaltungen mit interessanten Menschen, mit guter Musik, viel Austausch und Basisdemokratie, kurz, genau das richtige für Menschen, die auf sowas stehen. Unser Quartier für die Nacht fanden wir allerdings nicht im Camp selbst, sondern in der örtlichen Kirche. Es ist wohl üblich, das zu den Transportzeiten im Wendland alle an einem Strang ziehen, da gehören auch die Kirchen mit dazu, die ihre Türen öffnen. Auch in der Kirche war eine lockere Atmosphäre. Ich habe vorher noch nie in einer Kirche geschlafen, aber es war eine interessante Erfahrung. Die Ruhe vor Ort hat einem ein bisschen über die Ungewissheit hinweggeholfen, was in den nächsten Stunden, oder vielleicht erst am nächsten Tag auf uns zu kommen würde. Es gab einen Plan zum Widersetzen: Wenn der Castor um 2 Uhr Nachts in Hannover steht, dann würde die Aktion schon nachts starten, weil er dann schneller als erwartet vorankommt. Die Alternative wäre, dass die Aktion am Samstagnachmittag um 14 Uhr startet. Der 2. Fall ist Wirklichkeit geworden. Das hat mich nach der langen Autofahrt nicht wirklich gestört, wobei ich natürlich zu jeder Zeit bereit gewesen wäre. Den Organisatoren von Widersetzen war es jedoch lieber die Aktion in der Helligkeit zu starten, da sie vermuteten die Polizei reagiert gelassener, wenn sie die „Störer“ gut sehen können. Nach der erholsamen Nacht machten wir uns am nächsten Morgen auf ins Camp um zu frühstücken. Noch in der Nacht zuvor hatten wir eine gruppeninterne Besprechung und haben die Taktik mitbekommen, die zur erfolgreichen Gleisbesetzung führen sollte. Auch über rechtliche Folgen unserer Aktion wurden wir aufgeklärt. Wir waren bereit dieses Risiko einzugehen, vielleicht auch ein bisschen stolz, auf das, was wir planten. Die Zeit nach dem Frühstück bis zum Start dauerte gefühlt länger. Wir nutzten diese um uns am Infopunkt des Camps mit Materialien einzudecken, durchs Camp zu spazieren und uns alles ein bisschen genauer anzuschauen. Einige unserer Mitstreiter wussten ihre Zeit sinnvoller zu verbringen, zum Beispiel mit einem Bad im Elbenebenfluss oder mit Bannermalen.

Ich war auf jeden Fall erleichtert als das Warten endlich vorbei war und die Aktion startete. Wir bildeten mehrere Autokonvois. Eine Gruppe der 5 „Finger“ legte die Strecke zu Fuß zurück, der Rest kam mittels Auto in die nähere Umgebung des Blockadeortes. Alle starteten etwa um 14 Uhr Richtung Bahngleis. Nach einer Fahrt über Feld- und Waldwege kamen wir in der Ortschaft an, von wo aus wir den Rest der Strecke zu Fuß wanderten. Unserem Gruppenfähnchen folgend kamen wir dem Waldabschnitt bei Harlingen, wo auch schon im Jahr zuvor die Blockade über so viele Stunden so gut geglückt ist, Minute für Minute näher. Das hat sich wohl auch die Polizei gemerkt, denn das Aufgebot an schwer ausgerüsteten Hundertschaften war sehr groß. Nach der Überquerung einer großen Wiese, die wir noch besser kennen lernten, als uns lieb war, konnten wir die Gleise am oberen Ende einer hohen Böschung erkennen. Auf den Gleisen standen in regelmäßigen Abständen Polizisten. Fast schien es, als hätte jemand die Lücken mit einem Zollstock nachgemessen. Unsere Fahnenträgerin, die das wohl nicht zum ersten Mal machte, wusste Rat. Wenn wir ein Stückchen in den Wald laufen würden, wären Gleis und Weg gleich hoch, beziehungsweise der Weg sogar ein Stückchen höher. Das sollte unsere Strategie des Umfließens der Polizei vereinfachen. Gefolgt von vielen Journalisten erreichten wir die Gegend im Wald, die uns unsere Ortskundige vorausgesagt hatte. Wir kamen den Gleisen immer näher, dummerweise kamen uns die gepanzerten Polizeikräfte auch immer näher und es kostete mich ziemlich Überwindung voranzukommen. Mit meiner Bezugsgruppe ging ich selbstbewusst auf die Polizei zu. Ich erklärte, dass wir friedliche Demonstranten seien, von uns keine Gefahr ausgeht und wir entschlossen zu den Gleisen vordringen würden. Ein Polizist packte mich an meiner Jacke, ein zweiter kam dazu und hielt mich ebenfalls zurück. Ich versuchte mich aus dieser Situation zu befreien und schaffte es. Allerdings ließen sie es sich nicht nehmen, mich auf den Boden zu schubsen. Das machte mir allerdings wenig, denn das war ja unsere Taktik. Während die beiden Polizeikräfte mit mir beschäftigt waren, kamen unzählige meiner Mitstreiter bis zu den Gleisen. Nachdem ich aufgestanden war, kam ich hinterher. Als ich unten ankam, merkte ich, dass ich bei der Rangelei meine Gürteltasche verloren hatte. In dieser befanden sich jedoch mein Geld und andere wichtige Dokumente. Bei einem Blick zurück, sah ich die Tasche jedoch nur wenige Meter entfernt von mir auf dem Boden liegen. Ich lief die paar Meter zurück, machte meinen Rucksack auf, packte meine Tasche ein und lief dann auf die Gleise. Meine Bezugsgruppe hatte sich schon gut positioniert.

Glücklich über die gut gelungene Besetzung lockerten wir die Stimmung ein bisschen, indem wir das Singen anfingen. Ein herbeigeeilter Musiker unterstützte uns tatkräftig. Auch die Polizisten, die sich zwischen die einzelnen Gleisabschnitte gestellt haben auf denen kleine Gruppen Demonstranten saßen, störten uns nicht. Die gaben eh nach kürzester Zeit auf und zogen sich zurück. Was folgte war der langsame Aufbau einer Infrastruktur seitens der Demonstranten. Zuerst fuhr ein großer Lieferwagen vor, der große Musikboxen auf dem Dach hatte und uns bis zum Ende unterhielt. Von dort aus hörte man auch wichtige Nachrichten des Radiosenders „Freies Wendland“. Nach und nach kamen auch die ersten Versorgungstrupps, die Essen und Getränke verteilten. Auch die eine oder andere Lautsprecherdurchsage der Organisatoren von Widersetzen konnte man folgen. Diese erklärten die Blockade für erfolgreich und machten uns Mut durchzuhalten. Eine ähnliche Stimmung, wie ich sie auch im Camp erlebte, wurde auf die Gleise übertragen. Die Leute begannen sich zu unterhalten, diskutierten, lasen, sangen und froren vielleicht auch, ja manche lernten sogar für bevorstehende Klausuren. Gegen die Kälte halfen nach kürzester Zeit die Lagerfeuer, die entlang der Gleisstreckte entfacht wurden. Aber auch die Polizei rüstete auf, denn auf befestigten Waldwegen oberhalb der Gleise fuhren viele Einsatzwagen auf. Nach Einbruch der Dunkelheit stellten diese auch Scheinwerfer auf, die Ihre Arbeit wohl leichter machten sollte. Die Zeit verging anfangs recht schleppend, aber nachdem es sich viele etwas gemütlicher gemacht hatten, fast so wie im heimischen Wohnzimmer und einige versuchten zu schlafen machten einem die Umstände keine Probleme mehr. Kurz fing es an ein bisschen zu regnen, aber das ließ bald nach, sodass eigentlich alle trocken blieben. Mittlerweile waren auch so viele Leute zu unserer Blockade gestoßen (in den Medien war von bis zu 3000 die Rede), dass man seinen Platz gefahrlos verlassen konnte. In 2er-Gruppen schauten ich und meine Freunde uns das Spektakel auch mal aus weiterer Entfernung an. Ich konnte gar nicht so weit schauen, wie Leute entlang der Gleise saßen.

Was ich allerdings auch mitbekam, war, dass die Polizei ihre Einheiten auf der Wiese von der wir gekommen waren, kurz vor der Bahnunterführung Harlingen zusammentrommelte. Viele, die das Jahr zuvor schon bei der Blockade dabei waren, ahnten, was auf uns zukommen würde. Mitten in der Nacht gegen 3 Uhr begann die Polizei mit der Räumung der Blockade, nachdem sie unsere Versammlung für aufgelöst erklärten. Ungewöhnlich war, dass sie in der Mitte der Blockade damit begangen und nach beiden Seiten räumten. Viele wollten natürlich nicht von alleine aufstehen und ließen sich wegtragen. Merkwürdige Aussagen der Polizei, wie „wir werden sie nicht mit Rucksack tragen“, oder Ähnliches kam mir zu Ohren. Im Allgemeinen lief die Räumung sehr schnell ab, sodass ich, da ich ziemlich mittig saß, ungefähr um dreiviertel 4 dran war. Immerhin hatte unsere Blockade ab 15 Uhr 30 gehalten. Ein großer Erfolg! Als die Polizisten zu mir kamen stand ich auf und lief freiwillig mit ihnen in die sogenannte „Freiluftgefangenensammelstelle“ (Freiluft-GESA), ein Polizeikessel bestehend aus vielen Einsatzwagen und Polizisten zwischen den Lücken. Auf dem Weg dahin wollte der Polizist mit mir anfangen nett zu reden, allerdings war ich recht erschöpft, deswegen antwortete ich ihm nur, dass ich keine Lust hätte auf ein Gespräch. Er fragte seit wann ich denn schon sitzen würde, manche saßen wohl schon seit heute Nachmittag, was ihn überraschte. Auf dem Weg in die GESA lief ich an einigen Leuten vorbei, die es der Polizei wohl nicht ganz so leicht machen wollten wie ich. Teilweise lagen sie auf dem Boden oder ließen ihre Füße schleifen. An der GESA angekommen, hat sich der Polizist noch für meine Kooperation bedankt. Auf die Frage wie lang ich hierbleiben müsse, antwortete er, er wüsste es nicht, er konnte mir nur sagen, dass ich die GESA bis auf weiteres nicht verlassen darf. Im Polizeikessel angekommen, wartete ich auf meine Bezugsgruppe. Gegen meine Gewahrsamnahme legten ich und einige Freunde sofort rechtliche Mittel ein. Wir schickten einen Brief an das Gericht Lüchow-Dannenberg und forderten eine „richterliche Überprüfung der Zulässigkeit und der Fortdauer der Freiheitsentziehung“. Im Polizeikessel war die Versorgung anfangs recht spartanisch, vor allem an Essen und Getränken fehlte es. Da waren wir von den Gleisen und den Camps andere Maßstäbe gewohnt. Ich besorgte mir eine Sitzunterlage und Goldfolien und versuchte ein wenig zu schlafen, denn mehr blieb mir in diesem Moment ja eh nicht übrig. Glücklicherweise hatte ich einige Heusäcke von den Gleisen mitgenommen, die machten das Schlafen ein bisschen komfortabler, wenn man von Komfort unter diesen Umständen sprechen kann. Lang konnte ich nicht schlafen, auch wenn ich es immer wieder versuchte. Gegen 6 Uhr morgens wachte ich auf und blieb seit dem eigentlich durchgehend wach. Kurz vorher besorgte ich mir eine der nun endlich eingetroffenen Wolldecken. Die spendeten einem Wärme. Ab und zu zückte ich auch mein Handy um Freunden mitzuteilen, wo ich mich gerade befand. Was man nicht alles tut aus Langeweile.

Vor Ort wurden wir durchgehend von Anwälten betreut, die ihr bestes versuchten uns aus unserer misslichen Situation zu befreien. Welche Strategie die Polizei verfolgte, wurde mir nicht ganz bewusst. Der Castor war seit der Räumung noch keinen Meter weitergefahren und wir wurden schon seit Stunden festgehalten. Gegen 10 Uhr sagte einer der Anwälte, dass Gerichte die Jahre zuvor urteilten, dass eine Gewahrsamnahme unter diesen Umständen länger als 6 Stunden nicht zumutbar wäre. Die Zeit verging, aber insgesamt passierte eher wenig. Um 12 Uhr Mittags wollte die Polizei uns mitteilen wie sie sich entschieden hatte. Innerhalb des Polizeikessels gab es auch mehrere Male Plenum, um möglichst gezielt „Verhandlungen“ führen zu können. Leider spaltete sich ein kleiner Teil von Mitdemonstranten ab, der mit allen Mitteln aus dem Polizeikessel frei kommen wollte. Das war jetzt gar nicht mehr so einfach, denn nachdem einigen Einzelnen die Flucht durch die Lücken der Polizeiwagen gelungen war, verstärken sie die Einheiten. Und nachdem auch die Pressevertreter aus dem Kessel regelrecht rausgeschmissen wurden, hatten die Einheiten vor Ort auch keine Scheu mehr die Helme aufzusetzen und ihre sonstige Ausrüstung auf Funktionsfähigkeit zu prüfen. So reagierten sie einmal heftig mit der Anwendung von Pfefferspray, nachdem der „radikale“ Demozug mit Heusäcken nach ihnen geworfen hatte. Andere verbrachten ihre Zeit mit der detailreichen Nachinszenierung unseres Schickals. Aus einem leeren Karton entstand mit viel Phantasie ein Castor, der begleitet von Polizei eine Strecke entlang fuhr. Spontan setzten sich Leute dem Castor in den Weg. Leider hatten die Blockierer keine Chance, denn sie wurden sofort von der Polizei geräumt. Es war sehr unterhaltsam dem Treiben zuzusehen. Die Polizei war in der Aufführung aber ziemlich unterbesetzt.

Gegen 13 Uhr kam eine Lautsprecherdurchsage der Polizei. Zuerst wurde uns ein Verbot ausgesprochen, in die Nähe der Gleise bzw. der Transportstrecke zu gehen. Anschließend meinten sie, wir dürften gehen, wenn wir unsere Personalien abgeben. Viele der Leute ging das zu weit. Erstens waren wir nicht bereit der Polizei unsere Ausweise zu zeigen, außerdem hätten sie diese dann schon nachts verlangen können und uns sofort laufen lassen können, wenn sie es gewollt hätten, denn an der Situation hat sich bis zu diesem Zeitpunkt nichts verändert. Der Castor stand immer noch am gleichen Ort. Mir kam das alles wie eine Bestrafung für mein Handeln vor, obwohl ich noch nicht einmal einen Richter gesehen hatte. Vielleicht auch Machtdemonstration seitens der Polizei. Wenn sie gewollt hätten, hätten sie uns also auch schon nachts befreien können, aber stattdessen lassen sie uns schlecht versorgt in der Kälte stehen. Nach dieser Ansage reichte es vielen und einer der Anwälte schlug uns vor die Polizei Lüneburg, sowie die Einsatzleitung wegen Freiheitsberaubung anzuzeigen. Viele taten das. Schon in der Nacht hatte ein Richter entschieden, dass der Polizeikessel aufgelöst werden muss, die Polizei schien das aber nicht zu beeindrucken. Wir beharrten auf unser Recht sofort freizukommen und trugen es den Einsatzkräften vor Ort auch mittels Sprechchören vor. Eine Reaktion des zuständigen „Befehlshabers“ vor Ort war, dass er meinte er kann uns nicht laufen lassen, selbst wenn er es wollte, sein Chef hätte es ihm untersagt. Wie auch schon die Jahre zuvor machte sich die Polizei also ihre eigenen Gesetze, so kam es mir zumindest vor.

Der Himmel zog sich langsam zu und es begann stark zu regnen. Der Castor war 5 Minuten davor weitergefahren und die Polizei hatte in diesem Moment wohl ein Einsehen, dass sie sich falsch verhalten. Oder sie fanden die Umstände im Kessel mindestens so schlimm wie wir, denn als es begann stark zu regnen, hörte ich die Durchsage, dass der Kessel nun geöffnet würde und alle noch verbliebenen Insassen auch ohne Kontrollen frei kommen. Davor erinnerten sie uns noch einmal an das von ihnen ausgesprochene Verbot, das sie jetzt ohne unsere Personalien natürlich nicht kontrollieren konnten. Stolz auf unser Durchhaltevermögen machten auch ich und meine Bezugsgruppe uns auf den Weg Richtung Autos und nicht Richtung Gleise, wie von der Polizei befürchtet. Durchnässt kamen wir am Auto an. Wir wurden um 15:30 freigelassen, waren also 11 Stunden und 30 Minuten in Gewahrsam, ohne dass man uns überhaupt sagte, weswegen wir dort waren. Wir hätten ja jederzeit gehen können, sagte mir ein Polizist kurz vor dem Auflösen des Polizeikessels und ich erinnerte mich an die Worte seines Kollegen zurück, der mich in den Kessel führte… bis auf weiteres nicht verlassen… Offensichtlich war sich nicht einmal die Polizei einig.

Als wir zurück im Camp waren, packten wir auch schon unsere sieben Sachen, stärkten uns noch kurz dank der guten Campküche und fuhren am 27.11. etwa gegen 17 Uhr 30 Richtung Süden. Auch die Heimfahrt gestaltete sich zumindest für die Insassen unseres Wagens ein bisschen schwieriger als zunächst vermutet. 5 mal fuhren wir auf Polizeisperren zu die uns jedes Mal baten umzukehren. Noch circa 1,5 Stunden nach dem Start im Camp irrten wir durch Ortschaften auf der Suche nach einem freien Weg. Wir fanden schließlich einen, dank der Hilfe eines Einheimischen. Nach den anstrengenden Tagen war ich ziemlich kaputt, sodass ich auf der Heimfahrt mehrere Male einschlief. Um kurz vor dreiviertel 1 kamen wir in Würzburg an, mit der Gewissheit dieses Wochenende nicht mehr so schnell zu vergessen.

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